Die Geschichte von Lina und Gina
Kapitel 1: Ein stiller Geburtstag
Das letzte Sonnenlicht des Oktobertages fiel schräg durch die hohen Fenster von Linas Chefbüro und ließ den polierten Mahagonitisch in warmem Gold schimmern. Lina lehnte sich in ihrem ergonomischen Schreibtischstuhl zurück, atmete tief durch und ließ endlich die Anspannung des Tages von sich abfallen. Ihre Finger umschlossen den Kristallkelch, in dem ein rubinroter Barolo sanft kreiste. Dieser Wein war etwas Besonderes – ein Château Margaux 1985, den sie sich vor fünf Jahren gekauft hatte, genau für diesen Tag: ihren 39. Geburtstag.
Draußen auf dem Frankfurter Bankenviertel begannen die Lichter der Skyline zu erwachen, während der Tag sich in ein samtiges Dunkelblau hüllte. In ihrem Büro herrschte nun eine Stille, die nach den turbulenten Stunden fast unnatürlich wirkte. Der morgendliche Streit mit Anna, ihrer Teamsprecherin, hallte noch nach. "Wir brauchen mehr Flexibilität bei den Projektvorgaben", hatte Anna insistiert, die Hände zu Fäusten geballt. "Deine Anweisungen lassen keinen Raum für kreative Lösungen." Lina hatte kühl geantwortet, aber innerlich brannte die Frustration. Warum konnte Anna nicht einfach umsetzen, was strategisch beschlossen war?
Doch der Tag hatte sich gewendet. Die abschließende Verhandlung mit dem koreanischen Konsortium war ein Triumph gewesen – ein Deal über 250 Millionen Euro, der ihre Position als eine der mächtigsten Investmentbankerinnen Deutschlands zementierte. Ihre Mitarbeiterinnen hatten applaudiert, ihre Sekretärin hatte Blumen auf ihren Tisch gestellt (eine Geste für den erfolgreichen Abschluss, nicht für den Geburtstag, das wusste Lina), und doch... niemand hatte die Bedeutung dieses 21. Oktobers erkannt.
Lina nahm einen Schluck Wein, ließ die komplexen Aromen von dunklen Früchten, Zedernholz und einer leichten Trüffelnote auf ihrer Zunge zergehen. Mit dem Wein kamen die Erinnerungen.
Kapitel 2: Kindheit aus Zement und Träumen
Ihre frühesten Erinnerungen rochen nach frischem Mörtel und kaltem Butterbrot. Ihr Vater, Klaus, kam jeden Abend mit unter den Nägeln eingebranntem Zement nach Hause, seine Hände waren rissig und stark wie Schaufeln. Als Maurerpolier trug er die Verantwortung für ganze Baustellen, doch zu Hause war er ein sanfter Riese, der seiner Tochter die Welt der Zahlen nahebrachte. "Siehst du, Linchen", sagte er, während er Baupläne auf dem Küchentisch ausbreitete, "jedes Haus beginnt mit einer soliden Berechnung. Wie das Leben."
Ihre Mutter, Helga, war Sekretärin in einer Anwaltskanzlei und brachte abends Aktenordner mit nach Hause, die nach altem Papier und strengem Kaffee rochen. Sie lehrte Lina, wie man sich kleidete, wie man sich ausdrückte, wie man in einer Welt bestehen konnte, die nicht für Kinder von Arbeitern gemacht war.
In der Grundschule war Lina das kleinste Mädchen der Klasse. "Zwerg" nannten sie die anderen, manchmal böswillig, manchmal nur gedankenlos. Ihre zarte Statur und schmalen Gliedmaßen machten sie zur leichten Zielscheibe. Doch was sie an Körperkraft vermissen ließ, entwickelte sie an scharfem Verstand. Während andere spielten, lernte sie. Ihre Hefte waren kunstvolle Gebilde aus sauberer Schrift und präzisen Rechnungen.
Die eigentliche Schwäche offenbarte sich zufällig im Sportunterricht der vierten Klasse. Beim Umziehen im Gemeinschaftsumkleideraum streifte eine Mitschülerin versehentlich Linas nackten Fuß. Ein ersticktes Kichern entwich ihr. Das Mädchen probierte es erneut – und Lina brach in schallendes Gelächter aus. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Lina, die immer so ernste und stolze Streberin, war unglaublich kitzlig.
Die folgenden Wochen entwickelten sich zur Qual. In der Pause hielten sie sie fest, kitzelten ihre Seiten, ihre Fußsohlen, die empfindlichen Stellen an Hals und Rippen. Lina wand sich, lachte hysterisch, hatte Tränen in den Augen – vor Lachen, aber auch vor Scham und Hilflosigkeit. "Hör auf! Bitte!", keuchte sie, aber ihre Angreiferinnen hörten nicht, fasziniert von dieser Macht über das Mädchen, das in allem anderen überlegen schien.
Eines Abends, mit noch zitternden Händen von einer besonders intensiven "Kitzelattacke", erklärte ihr Vater: "Manche Menschen sind wie Beton, Lina. Hart und unnachgiebig. Aber kluge Architekten wissen, dass Stahl flexibel sein muss, um Lasten zu tragen. Dein Verstand ist dein Stahl. Lass nicht zu, dass sie ihn biegen."
Kapitel 3: Stiefel, Nylon und erste Verwirrungen
Der Wechsel auf das Gymnasium mit vierzehn Jahren markierte den Beginn einer neuen Ära. Plötzlich waren da Jungen, die nicht mehr einfach nur Klassenkameraden waren, sondern Wesen von eigenartiger Anziehungskraft. Besonders einer: Michael, Klassensprecher der Jahrgangsstufe zwölf, mit dunklem Haar, das ihm immer in die Stirn fiel, und einer Art, zu lächeln, die Linas Magen in seltsame Knoten verwickelte.
Sie begann, ihre Kleidung mit wissenschaftlicher Präzision auszuwählen. Die Mode jener frühen 90er Jahre wurde ihr Schlachtfeld: enge Jeans, weit geschnittene Blazer, und vor allem – Schnürstiefel und Nylonstrumpfhosen. Mit ihrem ersten eigenen Geld von einem Ferienjob kaufte sie ein Paar schwarze Schnürstiefel mit glänzender Ledersohle und sechs Paar Nylons in verschiedenen Farbtönen.
Was sie nicht bedacht hatte, offenbarte der erste Schnee im November. Der Weg zum Gymnasium führte steil einen Hügel hinauf. Ihre schicken Stiefel, auf nassem Laub und erstem Schneematsch, erwiesen sich als völlig ungeeignet. Sie rutschte und glitt, hielt sich an Zäunen fest, kam kaum voran. Hinter ihr hörte sie Gelächter.
"Darf ich helfen?" Michaels Stimme. Er reichte ihr seinen Arm, und mit pochendem Herzen nahm sie ihn an. Doch es waren nicht nur Michael und seine Freunde, die sie auf dem Schulweg begleiteten. Eine Gruppe Jungen aus ihrer eigenen Klasse hatte die Gelegenheit erkannt.
An einem besonders eisigen Tag, als Lina wieder einmal kämpfte, umringten sie sie. "Wir helfen dir, Lina!", rief einer, und ehe sie protestieren konnte, hatten zwei Jungen sie an den Armen gepackt und zu einer nahegelegenen Bank geführt. "Die Stiefel sind das Problem", erklärte Tim, der Anführer der Gruppe, mit falscher Sorgfalt. "Die müssen runter."
Lina wehrte sich, aber ihre Bewegungen waren auf dem glatten Untergrund unnütz. Geschickt lösten sie die Schnürung, zogen ihr die Stiefel aus. Ihre mit hellbeigen Nylons bekleideten Füße zuckten in der kalten Luft. "Und jetzt", flüsterte Tim, während er einen Grashalm nahm, "zeigst du uns mal dieses berühmte Lachen."
Die Berührung des Grashalms auf ihrer Fußsohle war wie ein elektrischer Schock. Ein ersticktes Kichern entwich ihr. Dann, als die anderen Jungen Federn aus ihren Jacken zogen und begannen, sanft über ihre nylonsbespannten Fußsohlen zu streichen, brach die Flut los. Hysterisches, unkontrollierbares Gelächter schüttelte ihren Körper. Sie wand sich, versuchte ihre Füße wegzuziehen, aber starke Hände hielten sie fest.
"Bitte... hört auf... ich kann nicht...", keuchte sie zwischen Lachsalven, die ihr die Tränen in die Augen trieben. Die Welt verschwamm zu einem Gefühl aus Kitzeln, Scham und einer seltsamen, verworrenen Erregung. Nach vielleicht drei Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, ließen sie ab. "Danke für die Vorstellung", grinste Tim, bevor sie ihr die Stiefel zurückgaben und davongingen.
Lina saß zitternd da, die Wangen gerötet, die Nylons an den Fußsohlen durch die Berührung empfindlich erwärmt. Sie hasste die Hilflosigkeit. Aber sie lernte auch: Jede Schwäche konnte zur Stärke werden, wenn man sie verstand. Sie begann, die Reaktionen der Jungen zu studieren – nicht nur das offensichtliche Vergnügen an ihrer Hilflosigkeit, sondern auch die versteckte Faszination, die Bewunderung, die unter der Grausamkeit lag.
Kapitel 4: Die Universität und Gina
Das Wirtschaftsstudium in Mannheim war ihre große Befreiung. Hier kannte sie niemand. Hier war sie nicht das "kitzlige Mädchen", sondern einfach Lina Schmidt, eine der vielversprechendsten Studentinnen ihres Jahrgangs. Ihre Tage strukturierte sie mit militärischer Präzision: Vorlesungen, Bibliothek, Seminare, Selbststudium. Auch ihre Kleidung war eine Rüstung: Kostüme, die ihre schlanke Figur betonten, Absätze, die sie größer wirken ließen, und immer, immer Nylonstrumpfhosen. Sie hatte gelernt, dass Professoren und männliche Kommilitonen anders auf sie reagierten, wenn sie diese feminine Eleganz zur Schau trug. Es war eine Waffe, die sie perfekt beherrschte.
Was niemand ahnte: Jeder Tag war auch ein geheimes Martyrium. Die Nylons, die ihr professionelles Image komplettierten, machten ihre Haut hypersensibel. Ein zufälliges Streifen an einer Tischkante, ein Luftzug, sogar das Reiben ihrer eigenen Kleidung – alles konnte diese nervöse Erwartung erzeugen, die Vorbote des Kitzelns war. Sie entwickelte Techniken, Berührungen zu vermeiden, sich so zu positionieren, dass ihre exponierten Stellen geschützt waren.
Dann kam Gina.
Gina war ihre Mitbewohnerin in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung im Jungbuschviertel. Eine Kunststudentin mit pinken Haarbüscheln, die ständig an einer Zigarette zog und ihre Leinwände mit abstrakten, wirbelnden Farbexplosionen bedeckte. "Finanzmathematik", schnaubte sie, als Lina ihr erklärte, was sie studierte. "Die trockenste Art, die Poesie des Universums zu ignorieren."
Trotz ihrer Unterschiede entwickelten sie eine eigenwillige Freundschaft. Gina brachte Lina bei, Wein nicht nur zu trinken, sondern zu schmecken; Lina half Gina, ihre chaotischen Finanzen zu ordnen. Die Wahrheit über Linas Geheimnis entdeckte Gina durch Zufall.
Eines Abends, als Lina nach einem langen Tag die Schuhe auszog und sich auf das Sofa fallen ließ, streifte Ginas Fuß im Vorbeigehen zufällig Linas nylonsbedeckte Sohle. Die Reaktion war spontan: Lina zuckte zusammen, ein unterdrücktes Lachen entfuhr ihr. Gina blieb stehen. "Was war das?"
"Nichts. Nur... ich bin kitzlig."
Gina setzte sich, ihr Künstlerblick fiel Linas verlegene Miene auf. "Wie kitzlig?"
Lina wollte abwinken, aber etwas an Ginas offener Neugier entwaffnete sie. Sie erzählte von der Kindheit, von den Stiefeln im Schnee, von der lebenslangen Bürde dieser sensiblen Hautpartien, von nylonbedeckten Fußsohlen und den hypersensiblen Achselhöhlen. Anstatt zu lachen, nickte Gina nachdenklich. "Interessant. Eine physische Verwundbarkeit, die du in berufliche Unantastbarkeit verwandelt hast. Das ist fast poetisch."
Wochen vergingen. Gina erwähnte das Thema nicht wieder, bis zu einem regnerischen Sonntagnachmittag. Lina saß über ihrer Diplomarbeit, frustriert über ein statistisches Problem, das sich partout nicht lösen wollte. Gina beobachtete sie vom Küchentisch aus, an dem sie an einer Collage arbeitete.
"Du bist zu angespannt", sagte Gina schließlich. "Du brauchst eine Pause."
"Keine Zeit."
"Fünf Minuten." Gina stand auf und stand plötzlich hinter Lina. Bevor Lina reagieren konnte, spürte sie Ginas Hände auf ihren Schultern. Nicht kitzelnd, sondern massierend. Doch dann glitten die Finger zu ihren Seiten, und das mit einer leichten, federleichten Berührung.
Lina explodierte in Gelächter. "Gina! Hör auf!"
Aber Gina hörte nicht auf. Ihre Bewegungen waren präzise, fast klinisch, als erforsche sie ein wissenschaftliches Phänomen. Sie kitzelte Linas Seiten, dann, als Lina sich zusammenrollte, ihre Füße, die in Nylonstrümpfen steckten – Lina trug zwar Hausschuhe, aber an die Fußsohlen zu kommen war durch Linas Hilflosigkeit beim Kitzeln ihrer Seiten kein Problem. Das Lachen wurde immer hysterischer, unkontrollierbarer.
"Siehst du?", sagte Gina sanft, während ihre Finger weiterarbeiteten. "Du kannst nicht denken, nicht kontrollieren, nicht einmal richtig atmen. All deine Pläne, all deine Berechnungen – weg. Nichts als reines Gefühl, reine Wehrlosigkeit, reine Hilflosigkeit. Und du kannst dich nicht befreien."
Nach zwei Minuten hörte sie auf. Lina lag keuchend auf dem Boden, die Tränen strömten ihr über das Gesicht. Sie war wütend, gedemütigt... und seltsam befreit. In diesem Moment der absoluten Hilflosigkeit hatte sie keine Verantwortung, keine Erwartungen, nur dieses rein physiologische Erleben.
"Das nächste Mal, wenn du vor einer schwierigen Entscheidung stehst", sagte Gina und reichte ihr ein Glas Wasser, "erinnere dich an dieses Gefühl. An die Tatsache, dass Kontrolle immer eine Illusion ist."
Es wurde ein seltsames Ritual zwischen ihnen. Immer wenn Lina zu verkopft wurde, zu sehr in ihrer Welt der Zahlen und Strategien verschwand, forderte Gina ihre "therapeutische Kitzelsession" ein. Und Lina, obwohl sie es niemals zugeben würde, begann, diese Momente fast zu erwarten – diese kurzen Ausbrüche aus ihrem perfekt kontrollierten Selbst.
Kapitel 1: Ein stiller Geburtstag
Das letzte Sonnenlicht des Oktobertages fiel schräg durch die hohen Fenster von Linas Chefbüro und ließ den polierten Mahagonitisch in warmem Gold schimmern. Lina lehnte sich in ihrem ergonomischen Schreibtischstuhl zurück, atmete tief durch und ließ endlich die Anspannung des Tages von sich abfallen. Ihre Finger umschlossen den Kristallkelch, in dem ein rubinroter Barolo sanft kreiste. Dieser Wein war etwas Besonderes – ein Château Margaux 1985, den sie sich vor fünf Jahren gekauft hatte, genau für diesen Tag: ihren 39. Geburtstag.
Draußen auf dem Frankfurter Bankenviertel begannen die Lichter der Skyline zu erwachen, während der Tag sich in ein samtiges Dunkelblau hüllte. In ihrem Büro herrschte nun eine Stille, die nach den turbulenten Stunden fast unnatürlich wirkte. Der morgendliche Streit mit Anna, ihrer Teamsprecherin, hallte noch nach. "Wir brauchen mehr Flexibilität bei den Projektvorgaben", hatte Anna insistiert, die Hände zu Fäusten geballt. "Deine Anweisungen lassen keinen Raum für kreative Lösungen." Lina hatte kühl geantwortet, aber innerlich brannte die Frustration. Warum konnte Anna nicht einfach umsetzen, was strategisch beschlossen war?
Doch der Tag hatte sich gewendet. Die abschließende Verhandlung mit dem koreanischen Konsortium war ein Triumph gewesen – ein Deal über 250 Millionen Euro, der ihre Position als eine der mächtigsten Investmentbankerinnen Deutschlands zementierte. Ihre Mitarbeiterinnen hatten applaudiert, ihre Sekretärin hatte Blumen auf ihren Tisch gestellt (eine Geste für den erfolgreichen Abschluss, nicht für den Geburtstag, das wusste Lina), und doch... niemand hatte die Bedeutung dieses 21. Oktobers erkannt.
Lina nahm einen Schluck Wein, ließ die komplexen Aromen von dunklen Früchten, Zedernholz und einer leichten Trüffelnote auf ihrer Zunge zergehen. Mit dem Wein kamen die Erinnerungen.
Kapitel 2: Kindheit aus Zement und Träumen
Ihre frühesten Erinnerungen rochen nach frischem Mörtel und kaltem Butterbrot. Ihr Vater, Klaus, kam jeden Abend mit unter den Nägeln eingebranntem Zement nach Hause, seine Hände waren rissig und stark wie Schaufeln. Als Maurerpolier trug er die Verantwortung für ganze Baustellen, doch zu Hause war er ein sanfter Riese, der seiner Tochter die Welt der Zahlen nahebrachte. "Siehst du, Linchen", sagte er, während er Baupläne auf dem Küchentisch ausbreitete, "jedes Haus beginnt mit einer soliden Berechnung. Wie das Leben."
Ihre Mutter, Helga, war Sekretärin in einer Anwaltskanzlei und brachte abends Aktenordner mit nach Hause, die nach altem Papier und strengem Kaffee rochen. Sie lehrte Lina, wie man sich kleidete, wie man sich ausdrückte, wie man in einer Welt bestehen konnte, die nicht für Kinder von Arbeitern gemacht war.
In der Grundschule war Lina das kleinste Mädchen der Klasse. "Zwerg" nannten sie die anderen, manchmal böswillig, manchmal nur gedankenlos. Ihre zarte Statur und schmalen Gliedmaßen machten sie zur leichten Zielscheibe. Doch was sie an Körperkraft vermissen ließ, entwickelte sie an scharfem Verstand. Während andere spielten, lernte sie. Ihre Hefte waren kunstvolle Gebilde aus sauberer Schrift und präzisen Rechnungen.
Die eigentliche Schwäche offenbarte sich zufällig im Sportunterricht der vierten Klasse. Beim Umziehen im Gemeinschaftsumkleideraum streifte eine Mitschülerin versehentlich Linas nackten Fuß. Ein ersticktes Kichern entwich ihr. Das Mädchen probierte es erneut – und Lina brach in schallendes Gelächter aus. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Lina, die immer so ernste und stolze Streberin, war unglaublich kitzlig.
Die folgenden Wochen entwickelten sich zur Qual. In der Pause hielten sie sie fest, kitzelten ihre Seiten, ihre Fußsohlen, die empfindlichen Stellen an Hals und Rippen. Lina wand sich, lachte hysterisch, hatte Tränen in den Augen – vor Lachen, aber auch vor Scham und Hilflosigkeit. "Hör auf! Bitte!", keuchte sie, aber ihre Angreiferinnen hörten nicht, fasziniert von dieser Macht über das Mädchen, das in allem anderen überlegen schien.
Eines Abends, mit noch zitternden Händen von einer besonders intensiven "Kitzelattacke", erklärte ihr Vater: "Manche Menschen sind wie Beton, Lina. Hart und unnachgiebig. Aber kluge Architekten wissen, dass Stahl flexibel sein muss, um Lasten zu tragen. Dein Verstand ist dein Stahl. Lass nicht zu, dass sie ihn biegen."
Kapitel 3: Stiefel, Nylon und erste Verwirrungen
Der Wechsel auf das Gymnasium mit vierzehn Jahren markierte den Beginn einer neuen Ära. Plötzlich waren da Jungen, die nicht mehr einfach nur Klassenkameraden waren, sondern Wesen von eigenartiger Anziehungskraft. Besonders einer: Michael, Klassensprecher der Jahrgangsstufe zwölf, mit dunklem Haar, das ihm immer in die Stirn fiel, und einer Art, zu lächeln, die Linas Magen in seltsame Knoten verwickelte.
Sie begann, ihre Kleidung mit wissenschaftlicher Präzision auszuwählen. Die Mode jener frühen 90er Jahre wurde ihr Schlachtfeld: enge Jeans, weit geschnittene Blazer, und vor allem – Schnürstiefel und Nylonstrumpfhosen. Mit ihrem ersten eigenen Geld von einem Ferienjob kaufte sie ein Paar schwarze Schnürstiefel mit glänzender Ledersohle und sechs Paar Nylons in verschiedenen Farbtönen.
Was sie nicht bedacht hatte, offenbarte der erste Schnee im November. Der Weg zum Gymnasium führte steil einen Hügel hinauf. Ihre schicken Stiefel, auf nassem Laub und erstem Schneematsch, erwiesen sich als völlig ungeeignet. Sie rutschte und glitt, hielt sich an Zäunen fest, kam kaum voran. Hinter ihr hörte sie Gelächter.
"Darf ich helfen?" Michaels Stimme. Er reichte ihr seinen Arm, und mit pochendem Herzen nahm sie ihn an. Doch es waren nicht nur Michael und seine Freunde, die sie auf dem Schulweg begleiteten. Eine Gruppe Jungen aus ihrer eigenen Klasse hatte die Gelegenheit erkannt.
An einem besonders eisigen Tag, als Lina wieder einmal kämpfte, umringten sie sie. "Wir helfen dir, Lina!", rief einer, und ehe sie protestieren konnte, hatten zwei Jungen sie an den Armen gepackt und zu einer nahegelegenen Bank geführt. "Die Stiefel sind das Problem", erklärte Tim, der Anführer der Gruppe, mit falscher Sorgfalt. "Die müssen runter."
Lina wehrte sich, aber ihre Bewegungen waren auf dem glatten Untergrund unnütz. Geschickt lösten sie die Schnürung, zogen ihr die Stiefel aus. Ihre mit hellbeigen Nylons bekleideten Füße zuckten in der kalten Luft. "Und jetzt", flüsterte Tim, während er einen Grashalm nahm, "zeigst du uns mal dieses berühmte Lachen."
Die Berührung des Grashalms auf ihrer Fußsohle war wie ein elektrischer Schock. Ein ersticktes Kichern entwich ihr. Dann, als die anderen Jungen Federn aus ihren Jacken zogen und begannen, sanft über ihre nylonsbespannten Fußsohlen zu streichen, brach die Flut los. Hysterisches, unkontrollierbares Gelächter schüttelte ihren Körper. Sie wand sich, versuchte ihre Füße wegzuziehen, aber starke Hände hielten sie fest.
"Bitte... hört auf... ich kann nicht...", keuchte sie zwischen Lachsalven, die ihr die Tränen in die Augen trieben. Die Welt verschwamm zu einem Gefühl aus Kitzeln, Scham und einer seltsamen, verworrenen Erregung. Nach vielleicht drei Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, ließen sie ab. "Danke für die Vorstellung", grinste Tim, bevor sie ihr die Stiefel zurückgaben und davongingen.
Lina saß zitternd da, die Wangen gerötet, die Nylons an den Fußsohlen durch die Berührung empfindlich erwärmt. Sie hasste die Hilflosigkeit. Aber sie lernte auch: Jede Schwäche konnte zur Stärke werden, wenn man sie verstand. Sie begann, die Reaktionen der Jungen zu studieren – nicht nur das offensichtliche Vergnügen an ihrer Hilflosigkeit, sondern auch die versteckte Faszination, die Bewunderung, die unter der Grausamkeit lag.
Kapitel 4: Die Universität und Gina
Das Wirtschaftsstudium in Mannheim war ihre große Befreiung. Hier kannte sie niemand. Hier war sie nicht das "kitzlige Mädchen", sondern einfach Lina Schmidt, eine der vielversprechendsten Studentinnen ihres Jahrgangs. Ihre Tage strukturierte sie mit militärischer Präzision: Vorlesungen, Bibliothek, Seminare, Selbststudium. Auch ihre Kleidung war eine Rüstung: Kostüme, die ihre schlanke Figur betonten, Absätze, die sie größer wirken ließen, und immer, immer Nylonstrumpfhosen. Sie hatte gelernt, dass Professoren und männliche Kommilitonen anders auf sie reagierten, wenn sie diese feminine Eleganz zur Schau trug. Es war eine Waffe, die sie perfekt beherrschte.
Was niemand ahnte: Jeder Tag war auch ein geheimes Martyrium. Die Nylons, die ihr professionelles Image komplettierten, machten ihre Haut hypersensibel. Ein zufälliges Streifen an einer Tischkante, ein Luftzug, sogar das Reiben ihrer eigenen Kleidung – alles konnte diese nervöse Erwartung erzeugen, die Vorbote des Kitzelns war. Sie entwickelte Techniken, Berührungen zu vermeiden, sich so zu positionieren, dass ihre exponierten Stellen geschützt waren.
Dann kam Gina.
Gina war ihre Mitbewohnerin in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung im Jungbuschviertel. Eine Kunststudentin mit pinken Haarbüscheln, die ständig an einer Zigarette zog und ihre Leinwände mit abstrakten, wirbelnden Farbexplosionen bedeckte. "Finanzmathematik", schnaubte sie, als Lina ihr erklärte, was sie studierte. "Die trockenste Art, die Poesie des Universums zu ignorieren."
Trotz ihrer Unterschiede entwickelten sie eine eigenwillige Freundschaft. Gina brachte Lina bei, Wein nicht nur zu trinken, sondern zu schmecken; Lina half Gina, ihre chaotischen Finanzen zu ordnen. Die Wahrheit über Linas Geheimnis entdeckte Gina durch Zufall.
Eines Abends, als Lina nach einem langen Tag die Schuhe auszog und sich auf das Sofa fallen ließ, streifte Ginas Fuß im Vorbeigehen zufällig Linas nylonsbedeckte Sohle. Die Reaktion war spontan: Lina zuckte zusammen, ein unterdrücktes Lachen entfuhr ihr. Gina blieb stehen. "Was war das?"
"Nichts. Nur... ich bin kitzlig."
Gina setzte sich, ihr Künstlerblick fiel Linas verlegene Miene auf. "Wie kitzlig?"
Lina wollte abwinken, aber etwas an Ginas offener Neugier entwaffnete sie. Sie erzählte von der Kindheit, von den Stiefeln im Schnee, von der lebenslangen Bürde dieser sensiblen Hautpartien, von nylonbedeckten Fußsohlen und den hypersensiblen Achselhöhlen. Anstatt zu lachen, nickte Gina nachdenklich. "Interessant. Eine physische Verwundbarkeit, die du in berufliche Unantastbarkeit verwandelt hast. Das ist fast poetisch."
Wochen vergingen. Gina erwähnte das Thema nicht wieder, bis zu einem regnerischen Sonntagnachmittag. Lina saß über ihrer Diplomarbeit, frustriert über ein statistisches Problem, das sich partout nicht lösen wollte. Gina beobachtete sie vom Küchentisch aus, an dem sie an einer Collage arbeitete.
"Du bist zu angespannt", sagte Gina schließlich. "Du brauchst eine Pause."
"Keine Zeit."
"Fünf Minuten." Gina stand auf und stand plötzlich hinter Lina. Bevor Lina reagieren konnte, spürte sie Ginas Hände auf ihren Schultern. Nicht kitzelnd, sondern massierend. Doch dann glitten die Finger zu ihren Seiten, und das mit einer leichten, federleichten Berührung.
Lina explodierte in Gelächter. "Gina! Hör auf!"
Aber Gina hörte nicht auf. Ihre Bewegungen waren präzise, fast klinisch, als erforsche sie ein wissenschaftliches Phänomen. Sie kitzelte Linas Seiten, dann, als Lina sich zusammenrollte, ihre Füße, die in Nylonstrümpfen steckten – Lina trug zwar Hausschuhe, aber an die Fußsohlen zu kommen war durch Linas Hilflosigkeit beim Kitzeln ihrer Seiten kein Problem. Das Lachen wurde immer hysterischer, unkontrollierbarer.
"Siehst du?", sagte Gina sanft, während ihre Finger weiterarbeiteten. "Du kannst nicht denken, nicht kontrollieren, nicht einmal richtig atmen. All deine Pläne, all deine Berechnungen – weg. Nichts als reines Gefühl, reine Wehrlosigkeit, reine Hilflosigkeit. Und du kannst dich nicht befreien."
Nach zwei Minuten hörte sie auf. Lina lag keuchend auf dem Boden, die Tränen strömten ihr über das Gesicht. Sie war wütend, gedemütigt... und seltsam befreit. In diesem Moment der absoluten Hilflosigkeit hatte sie keine Verantwortung, keine Erwartungen, nur dieses rein physiologische Erleben.
"Das nächste Mal, wenn du vor einer schwierigen Entscheidung stehst", sagte Gina und reichte ihr ein Glas Wasser, "erinnere dich an dieses Gefühl. An die Tatsache, dass Kontrolle immer eine Illusion ist."
Es wurde ein seltsames Ritual zwischen ihnen. Immer wenn Lina zu verkopft wurde, zu sehr in ihrer Welt der Zahlen und Strategien verschwand, forderte Gina ihre "therapeutische Kitzelsession" ein. Und Lina, obwohl sie es niemals zugeben würde, begann, diese Momente fast zu erwarten – diese kurzen Ausbrüche aus ihrem perfekt kontrollierten Selbst.




